„Digital Humanities“ und die Sache mit der Nachhaltigkeit

Am Freitag und Samstag (01. – 02. April 2011) fand in Berlin am IBI, veranstaltet im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, das Kolloqium „Digital Humanities: Wissenschaften vom Verstehen“ statt. Das Programm liegt hier (ist erst weiter unten auf der Seite verlinkt), die Vorträge sollen noch veröffentlicht werden.

Die Behauptung im Titel als der Digital Humanities als „Wissenschaften vom Verstehen“ wurde nicht von allen Vortragenden explizit aufgegriffen, aber für meine Frage, die mich beim Rekapitulieren der zwei Tage begleitet hat, – „Was passiert bei der Entwicklung von virtuellen Forschungsumgebungen?“ – gab es ein buntes Panoptikum unterschiedlicher Aspekte, die beim Aufbau von virtuellen Forschungsumgebungen eine Rolle spielen.

Aus meiner Sicht warfen die einzelnen Präsentationen über kurz oder lang folgende Fragestellungen auf: Was ist das Besondere an der Digitalisierung in den Geistes-, vorallem in den Textwissenschaften? Welchen epistemologischen Wert sehen wir in den neuen Technologien? Falls es da etwas wie ein distinktives Merkmal der „Digital Humanities“ gibt („das Andere“ – Sahle), wie stellen wir sicher, dass wir es vernünftig fördern?

Die Reflexion über methodisches Potenzial der neuen oder neugemachten digitalen Technologien ist an dem Punkt angelangt, den Werkzeugen eine essenzielle Veränderung in den Möglichkeiten der Sammlung, Systematisierung und gemeinsamen Deutung zuzuschreiben.
Gleichzeitig wurde betont, dass eine reine Emulation traditioneller Methoden und Praktiken nicht das finale Ziel der Digital Humanities sein kann: vielmehr sei das Potenzial für substanzielle Änderungen wichtig zu erkennen (Gradmann).
Ähnlich regelmässig stand die Frage der Definition des Forschungsobjektes im Raum: Sammlung oder Text oder Werk? Die
Beschreibung der unterschiedlichen Bestände als „objects of interest“ bewegte sich zwischen fachwissenschaftlichem Interesse,
kulturhistorischer Bedeutung und theoretischer Reflexion: Was bedeutet es, das Forschungsobjekt „Text“ selbst noch einmal zu hinterfragen, zu definieren? Welche Auswirkungen hat das auf Theorie-Aussagen in den Text- Kultur- und Literaturwissenschaften? Die Wichtigkeit der Kompetenz in „Modellierung“ der komplexen Forschungsobjekte und -fragen der Geisteswissenschaften wurde auch hinsichtlich der Ausbildung betont (Sahle).

Gleichzeitig gab es auch zwei überzeugte Vorträge zur Notwendigkeit von Standards – Internationalisierung/Lokalisierung und TEI waren die Beispiele für community-getriebene Weiterentwicklung von Standards.
Dabei waren zwei Aspekte spannend: Die Betonung der Standard-Entwicklung als laufende wissenschaftliche Tätigkeit (Romary) sowie die Notwendigkeit eines vernünftigen und selbstverständlichen Einsatz von Standards (Sasaki). Unter anderen wurden als bekannte Schwierigeiten benannt: ein gewisser Widerwillen, gekoppelt mit Zeitmangel in der Fachwissenschaft, sich im Detail in ISO-Standardization documents einzulesen.

Die Vermittlung der oft komplexen Bedeutung einer Entscheidung für oder gegen ein Set an vereinbarten Annahmen, Parametern und Algorithmen in der Netzwelt sowie die Verhandlung von diesen Entscheidungen ist eine Praktik, die mir im Aufbau von Infrastrukturen in der Forschung als wesentlich erscheint. Und diese Aktivitäten kann man exemplarisch innerhalb einer „Mikroeinheit Projekt“ in den unterschiedlichsten Bereichen beobachten: Nutzer, Software-Entwicklung, strategische und/oder technische Entscheidungsträger, Projektträger…alle verhandeln im Endeffekt „zwischen Interoperabilität und Forschung“ (Sasaki). Die Entwicklung und Umsetzung von technologischen Standards, aber auch anderen Artefakten, wo die Entscheidung zwischen generischem, standardisiertem Vorgehen und konkreter Bedienung von spezifischen Anforderungen zu einem Konflikt führen kann, ist ein interessantes Phänomen: Der ständige Input der Fachwissenschaft ist nötig, um Standards weiterzuentwickeln. Im herkömmlichen Forschungsbetrieb ist es jedoch schwer, für diese „wissenschaftliche Aktivität“ (Romary) entsprechende Incentives zu
erhalten.
In den traditionellen Service-Bereichen Bibliotheken und wissenschaftliche IT scheint die Weiterentwicklung von Standards,
aber auch die verwandte Frage der „Nachhaltigkeit“ (sowohl der Daten als auch der Werkzeuge) einen anderen Stellenwert zu haben:
Da man sich häufig in einer konfliktträchtigen Doppelrolle -als „Anwender“ (i.e. Nutzer) von technologischen Artefakten wie Repositories, Applications, Services, Registries oder Rechenressourcen und als „Anbieter“ von Diensten und entsprechender „Dienstleistung“ wiederfindet, muss die Spannung zwischen „Interoperabilität“ und „Forschung“ ständig verhandelt werden.
Interessant ist dabei die Frage, welche Auswirkungen das auf den Grenzbereich Forschung und Service beim Aufbau von Infrastrukturen hat. Gibt es Tätigkeiten bei der Entwicklung von virtuellen Forschungsumgebungen, die als „wissenschaftliche Tätigkeit“ wahrgenommen werden? Welche Arten der Anerkennung gibt es dafür? Welche Rolle spielt „Nachhaltigkeit“ für die unterschiedlichen Akteure? Welche Bedeutung hat die Ausbildung in dieser Hinsicht?

Ein Danke an die Veranstaltung, Vortragende und Teilnehmer für eine interessante Tagung!

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