Materialität des Virtuellen – Vor der Sommerpause:)

Materialität des Virtuellen

In Forschung und Lehre sind der Computer und das Internet nicht mehr wegzudenken. Ein „E“ zeigt an, dass man sich auf den Weg durch das digitale Zeitalter begeben hat: Lehrende sind aufgefordert, sich in E-Learning weiterzubilden und Lernplattformen in ihren (nicht selten unbezahlten) Lehralltag zu integrieren. Es ist die Rede von E-Science und von E-Humanities. In der Forschung stößt man immer häufiger auf den Begriff der Virtuellen Forschungsumgebung und gerade Natur- und Technikwissenschaften kommen schon lange nicht mehr ohne stetig steigende Rechenleistung aus. Ein Begleiter dieser Entwicklung, die sich in einer wachsenden Anzahl an entsprechenden Konferenzen und Publikationen materialisiert, ist das Versprechen nach einer besseren Wissenschaft: „The outcome from such an undertaking is clear and substantial: new, faster, better and different science than has been possible before”(Coveney/Atkinson 2009).

Versprechen, so hat es Michel Fortun für die Genomik formuliert, „verweilen unsicher im Raum zwischen Gegenwart und Zukunft“ (Fortun 2000: 115). Begleitet wird das digitale Loblied nicht selten von Stimmen, die nur darauf warten laut zu werden, sobald sich ein Versprechen als Versprecher entpuppt. Ich denke, dass pauschale Aussagen so oder so ausgerichtet, wenig nützen. Viel interessanter scheint mir die Frage zu sein, unter welchen Möglichkeitsbedingungen Wissenschaft digital handelt und handeln soll. Die Debatten rund um unsere digitale Zukunft in Forschung und Lehre könnten gewinnbringender sein,  wenn es gelänge, den Blick von den fantastischen Szenerien des Virtuellen abzuziehen und schlicht die materiellen Beschaffenheiten und Voraussetzungen der E-Science genauer zu betrachten.  Hierzu gäbe es viel zu sagen: Angefangen bei der Frage nach den Energiekosten für all unser Datentreiben (die Kosten gehen in die Millionen) bis hin zur genaueren Betrachtung der Rolle von (Supercomputer-)Rechenzentren und ihren Zusammenschlüssen beispielsweise in der deutschen Gauss Allianz. Ich denke, wir könnten über diese und andere wichtige Themen im Kontext von Forschung und Lehre im digitalen Zeitalter besser sprechen, wenn wir hinter die Trennung zwischen Forschung/Lehre und Infrastruktur/Dienstleistung blickten – denn diese Ordnung der Wissenschaft, so meine Vermutung, muss neu verhandelt werden. Eine knappe Ausführung zu dieser Vermutung soll die angedeutete Denkbewegung erhellen: Betrachten wir die Geistes- und Sozialwissenschaften, die ebenso wie alle anderen Wissenschaften von Drittmitteln abhängig sind und für die somit die Frage „Was wird gefördert?“ keine Kleinigkeit ist. Aktuell hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung Richtlinien zur Förderung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben aus dem Bereich der E-Humanities veröffentlicht (www.bmbf.de/foerderungen/16466.php). Gefragt sind Vorhaben, die „in Kooperation mit informatiknahen Fächern neue Forschungsansätze in ihren Fachdisziplinen entwickeln“ (ebd.). Nicht gefördert werden u.a. Infrastrukturwerkzeuge und Infrastrukturentwicklung.

Digital vernetzt stellt sich die Frage, wo Infrastruktur aufhört und Forschung anfängt? Es ist nicht untypisch, dass die informationstechnischen Aufgaben und die Menschen (!), die diese vollbringen sollen, unter Infrastruktur oder Dienstleistung verbucht werden. Ein Ergebnis dieser hierarchischen Trennung in Forschung und Service ist häufig, dass der „Dienstleistungsbereich IT“ häufig personell chronisch unterbelegt ist. Es scheint für viele Wissenschaftler/-innen (oder für die geldgebenden Institutionen) nicht vorstellbar, dass der Computer kein Ding ist, dass einfach irgendwo aufgestellt von alleine läuft; erst recht, wenn es um komplexe virtuelle Forschungsumgebungen oder Höchstleistungsrechnersysteme geht. Wir sind die glatte Oberfläche von Microsoft gewöhnt, so dass unser digitales Analphabetentum zum Glück nicht auffällt. Das Phänomen der unsichtbaren Arbeit scheint auch in der Lehre seine Spur zu ziehen. Didaktisch ansprechende und anspruchsvolle Lehre zu gestalten und durchzuführen braucht Zeit und Unterstützung (abgesehen davon, dass es nicht sein kann, dass E-Learning dafür herhalten soll, eine wachsende Zahl an Studierenden durch das Studium zu bringen).

Wo fängt E-Infrastruktur an und wo hört E-Science auf? Diese Frage braucht eine Perspektivverschiebung: Wer bestimmt was Infrastruktur/Service  und was wissenschaftliche Praxis ist, wie werden überhaupt die Ressourcen verteilt? Denn eines dürfte klar sein: Der (politische) Unwille zur adäquaten Förderung wissenschaftlicher Institutionen und die damit zusammenhängende Mittelknappheit (selbstredend nicht überall gleichermaßen ausgeprägt) können dazu führen, dass anstelle eines Sich-Aufeinander-Zubewegens der Graben nur noch tiefer wird, etwa nach dem Motto: Fließen die Mittel in die Infrastruktur, dann fehlen sie mir in der Forschung. Ob digital oder nicht, ein anderes Ver-(Handeln) ist nötig und so kann das „E“ auch eine Möglichkeit sein, jene dringende Frage gemeinsam – und zwar unterhalb der Trennung in Forschung und Infrastruktur – zu diskutieren: Welche Wissenschaft wollen wir?

 

Literatur:

Coveney, Peter V. & Atkinson, Malcolm P. (2009): Crossing boundaries: computational science, e-Science and global e-Infrastructure, in: Phil. Trans. R. Soc. A 2009 367, 2425-2427, http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/367/1897/2425.full.pdf [download 28.05.11].

Fortun, Michael (2000): Vielversprechende Genomik verspricht Vielfalt: Wenn die Industrie auf die Zukunft setzt, warum nicht auch wir? In: Amann, Klaus für das Deutsche Hygiene-Museum (Hrsg): Natur und Kultur: Gentechnik und die unaufhaltsame Auflösung einer modernen Unterscheidung, Dresden: Dt. Hygiene-Museum, 113-133.

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