TEI – Lost in translation? Einblicke in Infrastrukturarbeit

Am 16. August kam über Twitter (#teiputsch) die Meldung, dass der Vorsitzende des TEI-C Board, Martin Mueller, zurückgetreten war. (Danke an Markus B. Schnoepf für den Hinweis auf der FB-Gruppe Digital Humanities Berlin)

In Folge spekulierte die Community u.a., in wieweit ein offener Brief (1) von Martin Mueller an die TEI-Gemeinde eine Rolle in den Geschehnissen spielt. Das hat mich neugierig gemacht – eine Wertung seiner Gedanken zum aktuellen Stand der TEI liegt mir fern, aber in jedem Fall gab mir die Lektüre des offenen Briefes Anregungen, um über unterschiedliche Aspekte der Infrastrukturarbeit im wissenschaftlichen Bereich nachzudenken.
(In der Zwischenzeit gab es auch eine Reaktion des Technical Council von TEI zum Rücktritt.)

Die Schwierigkeiten der TEI-Community, die Mueller in seinem Brief kritisch anspricht, geben einen möglichen Blick auf Infrastrukturarbeit: Es geht um Kompromisse zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen, um mögliche „Gewinner und Verlierer“(2), die im Zuge der Infrastrukturarbeit zwangsläufig entstehen.
Mueller sieht eine Herausforderung in der aktuellen Rolle der TEI als Hybrid zwischen Standardisierungsgremium, wissenschaftlicher Gemeinschaft und Institution, die Mitgliedsgebühren erheben muss.Er erzählt von den Schwierigkeiten, über den Wert einer wissenschaftlichen Technologie mit den Vertretern der lokalen Serviceeinrichtungen zu verhandeln. Der „wissenschaftliche Mehrwert“ einer Forschungsinfrastrukturleistung muss schließlich auch in lokalen Budget-Entscheidungen vertreten werden. Er spricht über die Schwierigkeiten der Ausweitung des Nutzerkreises für eine wissenschaftliche Technologie, die zwar hochspezialisierte Auszeichnungen ermöglicht, aber seines Erachtens nur von einem geringen Teil der Forscher „decoded“ werden kann.
Eine seiner Kernaussagen ist die aus seiner Sicht mangelnde Berücksichtigung von Interoperabilität. „Unnecessary divergence and inconsistency (…) are only one reason for the fact that much of TEI encoding is „lost in translation“ “ (1, S.9): Die verstärkte Nutzung eines „basic set of tags“ sollte eine erste, grundlegende Verknüpfung unterschiedlicher Daten ermöglichen. Die Kernkodierung, wie sie in TextGrid genutzt wird, sieht er als positives Beispiel für die Idee einer „TEI-API for query tools“. Gleichzeitig sieht er einen Bedarf an der Fokussierung auf Such- und Indexierungstechnologien,  um das mögliche Query Potential reich ausgezeichneter XML-Dokumente auch effizient zu nutzen.

Infrastrukturarbeit bedeutet vorrangig Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit zwischen Mensch und Maschine. Diese Vermittlung läuft mittels Technologie (wie Programmier- und Auszeichnungssprachen, Schnittstellen oder Protokolle), aber natürlich auch mittels sozialer Interaktion in der Entwicklung einzelner Bausteine von Forschungsinfrastrukturen. In dieser Vermittlung wird übersetzt, und damit wird auch ein- und ausgeschlossen. Durch die dynamische Interaktion der menschlichen als auch der nicht-menschlichen Akteure einer Infrastruktur unterliegen auch die notwendigen Übersetzungspraktiken einer ständigen Revision und Weiterentwicklung.
Auch die Entwicklung von TEI als wissenschaftliche Auszeichnungssprache für (historische) Texte ist „work in progress“, die notwendigerweise von Spannungen begleitet wird: Die Entscheidung über „notwendige“ und „optionale“ Elemente für sinnhafte Auszeichnung von wissenschaftlich relevanten Entitäten der Texte kann inter- und intradisziplinär stark variieren.
(Ein anderes Beispiel für die Notwendigkeit der ständigen Weiterentwicklung der Übersetzungstechnologie  ist das mit 1,69 Millionen Euro geförderte BMBF-Projekt ECOUSS, in dem u.a. Automatismen zur Anpassung von Compilern an die dynamische Entwicklung der parallelen Rechnerarchitekturen entwickelt werden soll. Mehr dazu hier oder hier )

Unabhängig, auf welcher „Ebene“ (oder „Layer“) der Infrastruktur übersetzt wird, es geht im Endeffekt immer um die Interaktion in einem sozio-technischen System: Mensch und Maschine agieren miteinander und stellen dabei ihre eigenen Bedingungen an die Kommunikation. Diese Bedingungen werden in der Entwicklung von Forschungsinfrastrukturen verhandelt. Dabei treffen unterschiedlichen Sprachen, Wissensbestände, Wertigkeiten und Praktiken aufeinander.  Peter Galison, in seiner Rekonstruktion der Entwicklung der Mikrophysik, prägte dafür den Begriff trading zone „as a social, material, and intellectual mortar binding together the disunified traditions of experimenting, theorizing, and instrument building.“(3)

Eine – wie auch immer wissenschaftlich definierte – „gelungene“ Kommunikation innerhalb von Forschungsinfrastruktren ist auch das Ergebnis der Verhandlungen über „generische“ und „spezifische“ Funktionalitäten sowie über die notwendige Weiterentwicklung von Technologien, Communities und tragenden Einrichtungen von Forschungsinfrastrukturen. Die „trading zone“ ist somit auch ein Ort der Verhandlungen über das noch Unbekannte. Und diese Verhandlungen sind geprägt von den unterschiedlichen Vorstellungen zum Umgang mit dem „Werdenden“, das nicht zuletzt beschrieben, geplant, entwickelt und finanziert werden soll. Die unterschiedlichen Vorstellungen zu „Innovation“ und „Nachhaltigkeit“ sind relevante Werte, mit denen dabei gehandelt wird.

(1) Letter to members of the TEI-C Board and Council. From Martin Mueller, chair, TEI-C Board. August 4, 2011.
(2) vgl.Edwards, Paul N.; Jackson, Steven J., Bowker, Geoffrey C. and Cory P. Knobel: Understanding Infrastructure: Dynamics, Tensions, and Design. Ann Arbor: DeepBlue 2007. S.24.
(3) Galison, Peter:Image and Logic. A Material Culture of Microphysics. UCP 1997. S.803

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