Infrastrukturen für Forschungsdaten – (Wie) Lässt sich das Unbekannte planen?

Am 17. April 2012 fand am GFZ Potsdam ein Experten-Workshop für den „Umgang mit Forschungsdaten“ statt. Das DFG-geförderte Projekt „Radieschen“ hat als Veranstalter ein ambitioniertes Ziel vor Augen: eine Roadmap mit Handlungsempfehlungen für eine nationale, disziplinübergreifende Infrastruktur für Forschungsdaten zu erstellen.

Dafür wurden in dem Workshop vier Problemfelder in Break-out Sessions diskutiert:

  • Was sind sinnvolle und notwendige Richtlinien im Umgang mit Forschungsdaten (Policies und Anreizsysteme)?
  • Wie kommen die Daten (nicht) in die Infrastruktur?
  • Was sind Erfolgskriterien disziplinübergreifender Dienste (generische vs. disziplinspezifische Dienste)?
  • Was sind Möglichkeiten und Grenzen der Auslagerung und Zentralisierung von Diensten?

An anderer Stelle haben wir mal das Bild der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ für die Dynamik in der Entwicklung von Infrastrukturtechnologien verwandt. In der Entstehung und Verbreitung von neuen Forschungstechnologien treffen die eigentliche Entwicklung (aka „Forschung“) und der Betrieb (aka „Anwendung“) aufeinander. Zeithaushalte, Motivationen, Möglichkeiten und Ziele sind jeweils unterschiedlich, aber sie bedingen einander in dem gemeinsamen Versprechen, einen höchst dynamischen Wissenschaftsbetrieb zu unterstützen.

In den einzelnen Sessions spiegelte sich diese Spannung an den zum Teil widersprüchlichen Meinungen der Teilnehmer wider: Braucht es noch mehr Werkzeuge, um der heterogenen Wissenspraxis gerecht zu werden? Oder braucht es weniger, dafür standardisiertere Werkzeuge, um die Interoperabilität und Kompatibilität zu gewährleisten? Braucht es mehr Forschung, um neue und/oder Altdaten möglichst automatisch in die Infrastruktur zu bekommen? Oder braucht es vielmehr Qualifikationsprogramme für wissenschaftliches Personal, das diese Arbeit leisten soll?

Wie so oft – die eine, richtige Antwort gibt es nicht. Insofern ist die gegen Ende der Veranstaltung konstatierte Ratlosigkeit hinsichtlich konkreter Maßnahmen für eine nationale Infrastrukturplanung auch keineswegs ein Zeichen des Scheiterns, sondern vielmehr ein Ausdruck für die vielfältigen Veränderungen, die die einzelnen Akteure in Wissenschaft und Wissenschaftsbetrieb erfahren: Das klassische Nutzerbild wandelt sich, Service-Anbieter werden selbst zu Nutzern, Wissenschaftler übernehmen nicht-wissenschaftliche Aufgaben wie das Schreiben von Spezifikationen oder Nutzer-und Öffentlichkeitsarbeit, Entwicklung und Betrieb von Anwendungen laufen parallel statt zeitlich versetzt uvm. Es dreht sich also nicht nur um die disziplin-spezifischen Unterschiede prospektiver Nutzer, sondern auch um zeitgleich stattfindende Veränderungen im wissenschaftlichen Betrieb, in Arbeitsweisen, Verantwortlichkeiten oder Geschäftsmodellen.

Für eine umfassende Planung einer Forschungsdaten-Infrastruktur erscheint mir eine stärkere Einbindung von Forschung zu den unterschiedlichen sozialen Gemeinschaften, die an und mit Infrastruktur arbeiten, unumgänglich. Das zeigt auch der Fokus der einzelnen Sessions: Policies, Richtlinien, Arbeitsweisen, Geschäftsmodelle sind auch technische, aber vor allem soziale bzw. organisationale Fragen. Hier bietet sich die Einbindung von sozialwissenschaftlicher Forschung (wie z.B. der Wissenschaftssoziologie) an, was aber als konkrete Praxis keineswegs trivial ist: Die kritische, de- und re-konstruierende Perspektive der Science and Technology Studies (STS) auf Kausalbeziehungen, mit der latenten Gewissheit des „It could have been otherwise“, scheint erstmal schwierig mit einer normativen Perspektive der Planung und Steuerung vereinbar zu sein. Dazu kommt eine Variante der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“: Während z.B. die Wissenschaftssoziologie erstmal verstehen will, wann überhaupt ein Wissenschaftler von „Daten“ spricht und unter welchen Umständen er diese Daten (nicht) zur Verfügung stellt, müssen in der technischen oder politischen Infrastruktur-Planung bereits Entscheidungen getroffen werden.

Hier reihe ich mich wieder ein in die anfangs konstatierte Ratlosigkeit…und frage mich nicht nur nach dem „Was“, sondern vorallem auch nach dem „Wie“. Die Frage nach einer inhaltlichen Ausgestaltung einer nationalen Infrastruktur für Forschungsdaten steht meines Erachtens in enger Verbindung zur Frage nach der Form, den Strukturen der Zusammenarbeit in der ständigen Weiterentwicklung dieser Infrastruktur. Und das betrifft nicht nur die Interaktion der unterschiedlichen Akteure in der Praxis (wie Fachwissenschaften und IT), sondern auch die Organisation einer interdisziplinäre Forschung am empirischen Objekt „Forschungsinfrastrukturen“.

 

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