Digital Humanities – Wissenschaft in Arbeit

Hier die Einleitung eines Artikels, den ich zusammen mit Ulla Tschida geschrieben habe.

(Sonja Palfner, Ulla Tschida: Digitale Humanities – Wissenschaft in Arbeit, in: Martin Kintzinger und Sita Steckel (Hrsg.): Akademische Wissenskulturen. Praktiken des Lehrens und Forschens vom Mittelalter bis zur Moderne, Ostfildern: Schwabe Verlag, im Erscheinen)

„Geistes- und Sozialwissenschaften forcieren ihr Engagement für Forschungsinfrastrukturen“[1] – diese Pressemitteilung des Wissenschaftsrats vom 12. Dezember 2011 wie auch die Anfang 2011 erschienenen Empfehlungen vom Wissenschaftsrat zu Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften[2] machen auf eine aktuelle digitale Konjunktur aufmerksam, die zunehmend – selbstredend nicht in allen Disziplinen gleichermaßen – gespürt und praktiziert wird.

Im Folgenden wird die Entwicklung von elektronischen Hilfsmitteln in der sprach- und literaturwissenschaftlichen Forschung am Beispiel von TUSTEP und TextGrid rekonstruiert und die spezifischen Charakteristika der Entwicklung und Nutzung von neuen digitalen Werkzeugen sowie der Institutionalisierungsprozesse, die durch und rund um die Technik entstehen, herausgearbeitet.

Das Tübinger System von Textverarbeitungsprogrammen (TUSTEP) ist ein Set an Programmen zur computergestützten Textproduktion und -nutzung und wird seit 1978 am Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV) der Universität Tübingen entwickelt: „TUSTEP ist ein Werkzeug zur wissenschaftlichen Bearbeitung von Textdaten (auch solchen in nicht-lateinischen Schriften), wie es vor allem in den Geisteswissenschaften benötigt wird. Es enthält Bausteine für alle Arbeitsgänge beim computer-gestützten wissenschaftlichen Umgang mit Textdaten, von der Erfassung über Abfrage, Analyse, Sortierung, Speicherung und andere Arten der Verarbeitung von Textdaten bis zur Ausgabe in gedruckter oder elektronischer Form“[3]. Im Februar 2012 standen erstmals die Installationspakete (noch kein Quellcode) unter der Revised BSD License[4] frei zur Verfügung. Die Entwicklung von TUSTEP wurde in den Anfängen von der Universität Tübingen und dem Land Baden-Württemberg gefördert[5].

In TextGrid wird eine grid-basierte virtuelle Forschungsumgebung für die Geistes- und Kulturwissenschaften seit Februar 2006 unter der Koordination der Abteilung Forschung und Entwicklung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) entwickelt und in den Betrieb überführt: „TextGrid ist ein Forschungsverbund, dessen Ziel es ist, den Zugang und den Austausch von Informationen in den Geistes- und Kulturwissenschaften mit Hilfe moderner Informationstechnologie (Grid) zu unterstützen. Seit 2006 wird eine internetbasierte Plattform aufgebaut, die Wissenschaftlern Werkzeuge und Dienste für die Auswertung von textbasierten Daten in unterschiedlichen digitalen Archiven bietet – unabhängig von Datenform, Softwareausstattung oder Standort“[6]. TextGrid war im Rahmen der D-Grid Initiative, die in diesem Jahr 2012 ausgelaufen ist[7], das einzige geisteswissenschaftliche Community-Projekt. Allerdings war TextGrid erstens nicht von Anfang an dabei (die ersten Projekte waren ausschließlich aus den Natur- und Technikwissenschaften) und zweitens wurde TextGrid nicht aus demselben Referat gefördert wie die anderen Grid-Projekte.

Sowohl TUSTEP als auch TextGrid sind auf den ersten Blick technische Systeme, die zur Produktion und Nutzung von Textdaten im wissenschaftlichen Kontext entwickelt werden. Der Einsatz bis dato unbekannter Computertechnologien eröffnet unbestritten neue Möglichkeiten für den Forschungsprozess und die Forschungspraktiken. Damit einhergehend ist auch eine Veränderung der Anforderungsprofile von Forschenden zu erwarten: „Wenn es weniger Mühe macht, Bücher oder Informationen zu finden, kann man damit auch nicht mehr brillieren“[8].

IT-Systeme wirken nicht selten als eine ‚Black Box‘ im Forschungsprozess selber und schaffen Abhängigkeiten und spezifische Voraussetzungen für das wissenschaftliche Arbeiten, die dem Forschenden häufig (und aufgrund fehlender IT-Kenntnisse) nicht unmittelbar zugänglich sind.

Nun scheint Technik darüber hinaus noch eine weitere Funktion zu besitzen: Auf den zweiten Blick, der sich auf Institutionalisierungsprozesse richtet, entfalten sich eben diese technischen Systeme zu sozialen Interaktionsfeldern, in denen die Frage nach der Wissenschaftsordnung gestellt und ausgehandelt wird. Die Entwicklung einer spezifischen Technologie bzw. die Nutzung der mittels neuer Technologien erzeugten Forschungsdaten ist somit nicht zu trennen von Prozessen, in denen Fragen von Arbeitsteilung und Rollenmustern, von Qualitätsstandards, Organisations- und Arbeitsabläufen und Verfahren aufgeworfen werden. Neue Technologien scheinen also ein Stimulus für die Auseinandersetzung wissenschaftlicher Disziplinen mit ihren epistemischen Praktiken und Lehrpraktiken und deren Möglichkeitsbedingungen darzustellen. Insofern könnte man formulieren, dass Technik die Rolle eines mehrdeutigen Hilfsmittels zukommt. Oder anders formuliert: Technische Systeme scheinen ein Potenzial zu besitzen, die Frage nach dem ‚Wie‘ von Forschung zu evozieren.

Nun ist dieser Beitrag keine systematische Aufarbeitung der Entwicklung der beiden Systeme. Wir möchten vielmehr an einzelnen Aspekten zeigen, dass das historische Moment dessen, was als ‚Digital Humanities‘ bezeichnet wird, nicht so sehr in der Unmittelbarkeit neuer wissenschaftlicher Ergebnisse zu finden ist, sondern in dem Versuch eines Wandels von Wissenschaftsformen. Form meint hierbei „ein spezifisches Muster der Organisation gesellig-gesellschaftlicher Beziehungen oder – anders ausgedrückt – wiederkehrende Verknüpfungsregeln gesellig-gesellschaftlichen Umgangs“[9]. Es geht uns also nicht darum, alle Disziplinen der Geisteswissenschaften, die vom Computer Gebrauch machen, unter einem neuen Begriff zu versammeln, nur weil mit der IT-Entwicklung häufig das Versprechen auf eine neue (bessere) epistemische Praxis einhergeht. Vielmehr interessiert uns der Begriff ‚Digital Humanities‘ als Prozess und als Praktiken, die in die soziale Konstruktion der Wissenschaft eingreifen.


[1]    Zur Pressemitteilung des Wissenschaftsrats s. den folgenden Link:

[www.wissenschaftsrat.de/index.php?id=404&=], 30.04.2012.

[2]    Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und

Sozialwissenschaften 2011. Vgl. im Internet http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/10465-11.pdf.

[3]           Zu TUSTEP s. den folgenden Link: [www.tustep.uni-tuebingen.de], 10.04.2012.

[4]           Zu den Lizenzbedingungen von TUSTEP s. den folgenden Link: [www.tustep.uni-tuebingen.de/lizenz.php], 10.04.2012.

[5]           Wilhelm Ott, 25 Jahre Literarische und Dokumentarische Datenverarbeitung an der Universität Tübingen – ein kurzer Rückblick, in: Protokoll des 65. Kolloquiums über die Anwendung der Elektronischen Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften an der Universität Tübingen vom 18. November 1995. S. den folgenden Link: [www.tustep.uni-tuebingen.de/prot/prot651-ott.html], 10.04.2012.

[6]           Zu TextGrid s. den folgenden Link: [www.textgrid.de/startseite.html], 10.04.2012.

[7]           Zu D-Grid s. den folgenden Link: [www.d-grid.de], 10.04.2012.

[8]           Hanno Birken-Bertsch, Die Digitalisierung des Verstehens, in: Digitale Wissenschaft. Stand und Entwicklung digital vernetzter Forschung in Deutschland, hg. von Silke Schomburg, Claus Leggewie, Henning Lobin und Cornelius Puschmann, Köln 2011, S. 13-19, hier: S. 15. Vgl. im Internet http://www.hbz-nrw.de/dokumentencenter/veroeffentlichungen/Tagung_Digitale_Wissenschaft.pdf.

[9]           Wolf-Dieter Narr, Zum Politikum der Form, in: Leviathan 8 (1980), Nr. 2, S. 143-163, hier: S. 148.

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