Akademische Sommerfrische und Verstoffwechslung

oder: Was macht man so als PhD-Kandidatin im Sommer?

Neben all den Widrigkeiten, die anderswo verhandelt werden sollen, hat das Akademikerdasein ja schon auch schöne Seiten – unter anderem bietet es die Möglichkeit, an besonderen Orten der Welt mit Kollegen zusammenzukommen, Forschungsfragen und -designs auseinanderzunehmen und nicht-systematische Vergleiche von Forschungs-und Finanzierungsbedingungen anzustellen. Das hat noch gar nichts mit Konferenztourismus zu tun;-), im Gegenteil, hier werden auch fundamentale Überlebensstrategien für den akademischen Dschungel geprobt. (Wers nicht glaubt, möge nachlesen z.B.  in „Perlmanns Schweigen“  )

 
Jedenfalls durfte ich diese Möglichkeit mit der Absolvierung eines PhD-Kurses für „Socio-technical theory and methods“ an der Technischen Universität in Kopenhagen (DTU) erleben. Letzte Woche fand der zweite und letzte Teil statt. Für Neueinsteiger in STS („Science and Technology Studies“, manchmal auch „Science, Technology and Society“) wie mich war es eine turbulente, dichte und wichtige Erfahrung, mit deren Verstoffwechslung ich noch länger zu tun haben werde.
Die internationale STS Forschung hat keine einheitliche Orientierung und wirkt in sehr unterschiedlichen Disziplinen. Als eine der wenigen Gemeinsamkeiten gilt die sozialkonstruktivistische Orientierung: Technik und (jegliche Form von )Wissen wird als sozial konstruiert verstanden. Ob sich etwas als Wissen  durchsetzt, akzeptiert oder abgelehnt wird, ist eine soziale Frage, und keine der Gesetzmässigkeiten einer natürlichen Welt. Das, was Glühbirnen, Fahrräder, Infrastrukturen „sind“, ist keine inhärente Eigenschaft der Technik, sondern das Ergebnis eines sozialen Aushandlungsprozesses. Grundlegende Annahmen der STS-Forschung sind somit, dass „Inhalte und Ergebnisse von Wissenschaft und Technik weder vorbestimmt noch inhärent neutral sind, sondern in Prozessen geformt werden, in denen Artefakte, Politik und kulturelle Praxen ineinander verwoben sind.“ (Petra Ilyes, Zum Stand der Forschung des englischsprachigen STS Diskurses, S. 8 – eine gute Übersicht und Einführung für STS-Interessierte)

Das Ziel des PhD-Kurses in Kopenhagen war die Vorstellung und Diskussion zweier grundlegender Theorieansätze in STS – Social Construction of Technology (SCOT) und Actor-Network Theory (ANT). Gemeinsam mit Kollegen aus dem Gesundheitsbereich, des Industrial Designs und der Nachhaltigkeitsforschung führten wir viele Diskussionen über die ontologischen und methodologischen Implikationen dieser beiden Richtungen, die sich auf deutlich unterschiedliche Weise dem breiten Themenfeld der Mensch-Technik-Interaktion annähern. Eine Beschäftigung mit „dem Sozialen“ in der Technikentwicklung führt dabei zwangsläufig zur Frage, was den Menschen ausmacht, ob, wann und wie er sich von nicht-menschlichen Objekten unterscheidet, ob und wie man das beobachten kann, und nicht zuletzt zur Frage, welche Bedeutung die klassische Dichotomie Struktur vs. Handlung (oder Technik vs. Mensch ) für „doing science“ hat. Und mitten in der dänischen Sommerfrische ist man ohne Vorwarnung bei metaphysischen, philosophischen und ontologischen Diskussionen gelandet …

Für weitere intellektuelle Überraschungen, Grenzüberschreitungen und Stoffwechselstörungen wird wohl in diesem Zusammenhang auch noch „die“ große STS Konferenz sorgen: Die beiden großen Fachgemeinschaften EASST (European Association for the Study of Science and Technology) und das amerikanische Pendant 4S (Society for Social Studies of Science) veranstalten im Oktober in Kopenhagen ihr gemeinsames Annual Meeting unter dem Titel „Design and displacement – social studies of science and technology”. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, was die europäische und amerikanische STS umtreibt,kann sich hier einen Überblick (?) über die 106 Open Panels, eingeteilt in 10 Subject Cluster, verschaffen.

Auch hier werde ich Möglichkeit haben, an einem Pre-Conference Workshop für PhD-Kandidaten teilzunehmen, diesmal mit dem Motto „What does it mean to you do STS at the margin?“ Diese Aufforderung habe ich sehr wörtlich genommen, und einen sehr individuellen Bericht über meine Erfahrungen im letzten Jahr geschrieben..bin schon sehr gespannt, wie und ob sich das mit anderen Doktoranden deckt. Einige Kollegen aus Kopenhagen werde ich wiedertreffen – und schon ist es da, das erste kleine Netzwerk;-). Ein Konferenzbericht folgt noch im Oktober.

Letzte Station der akademischen Sommerfrische stellt für mich der Besuch der diesjährigen SummerSchool der KIT/ITAS zum Thema „Scientific Knowledge and Transgression of Boundaries“  dar. Dank der wunderbaren Erfindung einer Bewerbung als „participant only“ darf man auch kommen, wenn man noch nichts zu sagen hat, und den fortgeschritteneren Wissenschaftsforschern beim Denken lauschen. Neben der äußerst sympathischen Entscheidung für San Sebastián als Veranstaltungsort freue ich mich besonders auf die eingeladenen Key Note Lectures, inkl. Hans-Jörg Rheinberger und Steve Fuller. Bericht folgt;-)

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