„Varianz und Vielfalt“ – Wechselwirkungen zwischen Bioinformatik und Sprachwissenschaft

Vom 29.11. bis 30.11. fand in Darmstadt ein Arbeitstreffen des Projektes „Wechselwirkungen zwischen
linguistischen und bioinformatischen Verfahren, Methoden und Algorithmen: Modellierung
und Abbildung von Varianz in Sprache und Genomen.“ statt.

Der zweitägige Workshop stand unter dem Thema „Varianz und Vielfalt interdisziplinär: Wörter und Strukturen“. Mein Interesse lag vorrangig auf den Erfahrungen und Ergebnissen des Wechselwirkungs-Projektes: Ausgangspunkt des Projektvorhabens war eine spannende interdisziplinäre Fragestellung – was sind strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Genomcode (Codierung genetischer Information) und sprachlichem Code (Codierung von sprachlicher Information). Zwei Aspekte sollten untersucht werden, zum einen die Entwicklungsfähigkeit (Historizität), zum anderen Vielfalt bzw. Varianz (und ihre Regelmässigkeit). Die gemeinsame, empirische Datenbasis sind vernetzte Wörterbuchdaten und Daten des menschlichen Genoms.

Andrea Rapp gab einen kurzen Überblick über Herausforderungen und Chancen der interdisziplinären Kooperation. Es scheint, dass das Bemühen um Verständigung und Austausch über disziplinäre Grenzen hinweg zu einem „heilsamen“ Prozess der Selbstdisziplinierung, Formalisierung und Reflexion führte: durch die Notwendigkeit, dem fachfremden Gegenüber Methoden, Konzepte und „Forschungsstand“ zu erläutern, muss auch in der Disziplin selbst das kodifizierte Wissen neu reflektiert werden.
Einen Einblick in den möglichen interdisziplinären Transfer von Erkenntnisse und Methoden bot der Vortrag der beteiligten Bioinformatiker: Die bioinformatische Methode der Netzwerk-Analyse einer Proteindomäne wurde auf Morpheme übertragen, um nach Aussagen über den Zusammenhang von Morphemgebrauch und Morphemwandel zu schliessen.
Schon allein die Visualisierung der Veränderung und des Wandels in Konstellationen von Morphemen durch eine Netzwerk-Analyse ist ein Gewinn, über den wissenschaftlichen Aussagewert wurde noch kontrovers diskutiert. Die Bioinformatiker berichteten, dass in ihrem Teilbereich sprach-und literaturwissenschaftliche Methoden zur Erforschung des Sprachwandels zwar auf Interesse gestoßen sind, aber Untersuchungen zu Varianz und Wandel im menschlichen Genom an der Verfügbarkeit historischer biologischer Daten scheitert.

Der Großteil der Vorträge der Tagung beschäftigte sich mit sprach-und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen zu Sprachentwicklung und -wandel, mit mehr oder weniger explizitem Einblick in technische Fragestellungen (Kodierung, Tool-Entwicklung oder Modellierungen).

Die Keynote von Anke Lüdeling fand im Kontext der Ringvorlesung „Digital Humanities“ der TU Darmstadt statt, und adressierte entsprechend die Digital Humanities Community vor Ort. Neben der Notwendigkeit des Publizierens mittels „open access“-Modelle betonte Lüdeling vorallem die Notwendigkeit einer (technologischen und wissenschaftlichen) Veränderung hinsichtlich der Offenlegung und maschin-lesbaren Auszeichnung von epistemischen Wissen und Know-How: Der Wert einer digitalen Auszeichnung liege vorallem in der Möglichkeit der Nachvollziehbarkeit subjektiver Interpretationssschritte in der wissenschaftlichen Analyse. Dafür sieht Lüdeling sozialen Innovationsbedarfs (eine Veränderung der Community bottom-up) als auch technischen Innovationsbedarf: die diachrone und synchrone Darstellung unterschiedlicher „annotation layer“ eines Objektes ist aus ihrer Sicht ein Desiderat der digitalen Geistes-und Sozialwissenschaften.

 

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