Digital Humanities Berlin – zum Herstellen, Finden und Ergreifen von Möglichkeiten

Letzte Woche fand in Berlin der erste Workshop der Initiative „Digital Humanities Berlin“ statt,
die sich in den nächsten zwei Jahren -mit Unterstützung der Einstein-Stiftung – mit möglichen Inhalten und organisationalen Formen eines Berliner Standortes für die Digital Humanities auseinandersetzen wird.

Wie Dirk Wintergrün zusammenfasste, sind in Berlin zahlreiche Institutionen, Kompetenzen und Ressourcen vertreten, die sich mit unterschiedlichen fachlichen und technischen Schwerpunkten im Bereich der Digital Humanities engagieren. Diese fachliche und technische Expertise vor Ort zu bündeln, Synergien zu nutzen statt in Parallel-Entwicklungen zu investieren, und mögliche Formen einer Verstetigung der DH-Aktivitäten auszuloten, ist mit eine Motivation der Einstein-Zirkel-Runde.

Die Auftaktveranstaltung fragte nun nach „Modellen, Erfahrungen und Perspektiven“ und hatte dazu Vertreter bereits etablierter DH-Zentren in Deutschland für einen Erfahrungs-und Meinungsaustausch eingeladen. Nicht die Technik war Thema, sondern Netzwerke, Kooperationen, Strategien und Möglichkeiten – es ging um einen sozialen, organisationalen und nicht zuletzt politischen Rahmen, in dem der Forschungs-, Lehr- und Service-Charakter der Digital Humanities umgesetzt werden kann.

Claudine Moulin (für das Trier Center for Digital Humanities), Patrick Sahle (für das Cologne Center for eHumanities) sowie Gerhard Lauer (für das Göttinger Centre for Digital Humanities) hatten sich bereit erklärt, die jeweiligen Kompetenzen, Dienstleistungen und Strategien vorzustellen und vorallem ihren Erfahrungsschatz in der praktischen Verstetigungsarbeit eines Zentrums mit den Berliner Kollegen zu teilen.

Interdisziplinäre Kooperationen auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene, Aufklärungs- und Beratungsarbeit für Fachkollegen und die Zusammenarbeit mit lokalen Infrastruktur-Anbietern wie Bibliotheken, Rechenzentren, IT-Abteilungen sind grundlegende Bestandteile der jeweiligen Programme. Die Kompetenzen reichen von Tool-und Infrastrukturentwicklung über spezielle DH-Methoden wie Kodierung, quantitativer und qualitativer Erschließung oder nachhaltiger Bereitstellung digitaler Korpora bis hin zum Management/Akquise von Drittmitteln, der administrativen und rechtlichen Durchführung von Projekten, und dem Support und Beratung für geisteswissenschaftliche Projekte, die ihr Forschungsvorhaben mit einer „digitalen Komponente“ umsetzen wollen (oder zunehmend müssen). Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ebenfalls ein wichtiges Anliegen der Zentren. Auch hier variiert die Umsetzung, von der Entwicklung einzelner Module für Hörer aller Fakultäten bis hin zur Konzeption und Durchführung akkreditierter Studiengänge eines B.A./M.A. in Digital Humanities.  

Wie Claudine Moulin es zu Beginn ihres Vortrags auf den Punkt brachte, geht es bei der praktischen Operationalisierung einer Zentrums-Idee nicht nur um langfristige Visionen, sondern ganz konkret um Geld und Stellen. Die operativen und strategischen Möglichkeiten, innovative Ideen auszuprobieren (und auch ggf. zu scheitern), engagierte Mitarbeiter zu halten und zu fördern oder technische bzw. fachwissenschaftliche Schwerpunkte zu setzen, hängen stark von den Bedingungen ab, die eine Drittmittel-Finanzierung vorgibt. Das Ergreifen von Möglichkeiten im richtigen Moment, eine Organisationsform, die es erlaubt, mit und an den wechselnden Anforderungen zu wachsen, die Relevanz einer Professur, um das unstete „Drittmittel-Geschäft“ in der Forschung zu verankern, aber auch die pragmatische Einsicht, “ …man muss nicht alle glücklich machen …“ waren nur einige der Erfahrungen, über die berichtet wurde.

In der anschließenden Diskussion wurden sowohl mögliche regionale als auch inhaltliche Schwerpunkte eines Berliner Standortes diskutiert. Auf Interesse stieß insbesondere die Verknüpfung mit dem osteuropäischen Raum als auch der mögliche inhaltliche Schwerpunkt auf die „Materialität des Objekts“ in einer digitalen bzw. digitalisierten Forschung. Viel Raum nahm auch die Diskussion über Möglichkeiten und Strategien hinsichtlich der Einbindung und Zusammenführung der unterschiedlichen Interessen ein, sowohl der „big player“ als auch der einzelnen „grassroot-Projekte“. Was den Berliner Standort besonders macht, nämlich die zahlreichen etablierten Institutionen wie Museen, Archive, die BBAW oder die beiden Universitäten HU und FU, stellt gleichzeitig eine besondere Herausforderung dar, wenn es um die Identifikation und das Formulieren gemeinsamer Interessen geht. Die Organisation einer möglichen Form der nachhaltigen Zusammenarbeit steht nicht zuletzt unter einer forschungspolitischen Agenda und erfordert die Positionierung der einzelnen Institutionen hinsichtlich einer gemeinschaftlichen Ressourcennutzung für Forschung, Lehre und Dienstleistungen in den Geistes-und Kulturwissenschaften.

Egal, aus welcher Perspektive man sich dem Phänomen der Digital Humanities nähert – als junges Forschungsfeld mit eigenen Forschungsfragen, als Form einer sozialen Bewegung, die sich über einen gemeinsamen Diskurs zur Innovation von Inhalten und Methoden geisteswissenschaftlicher Fragestellungen definiert, oder als eine Form der Ausdifferenzierung von Forschung und Service, –  es ist in jedem Fall eine höchst dynamische Gemengelage, die sich durch Enthusiasmus und Engagement der unterschiedlichsten Akteure, aber auch durch kritische Widerstände aus den einzelnen Fachgemeinschaften auszeichnet. Unabhängig davon, welche konkrete organisationale oder institutionelle Form einer Zusammenarbeit eines Tages entstehen mag – es wird ein Rahmen sein, in dem sich Forschung, IT-Entwicklung und Dienstleistung wechselseitig beeinflussen. Die Gestaltung dieses Rahmens wird nicht allein durch die Möglichkeiten der Technik und Technologien bestimmt, sondern auch durch die Möglichkeiten und Bedingungen aller Beteiligten, ihre Ressourcen wie Kompetenzen, Tools oder Daten anderen zur Verfügung zu stellen. Das ist und bleibt eine spannende Entwicklung der bislang eher solitär arbeitenden Geisteswissenschaften.

Der nächste Workshop wird voraussichtlich am 11.10.2013 zum Thema „Das materielle Objekt in der digitalen Welt“ stattfinden. Weitere aktuelle Informationen zu Veranstaltungen und Projekten finden sich auf der Webseite des Zirkels.

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