Technik als Denkstil? – E-Infrastrukturen in der Wissenschaft

Dieser Beitrag erscheint 2014.

Palfner, Sonja (im Erscheinen): Technik als Denkstil ? – E-Infrastrukturen in der Wissenschaft, in: Kaminski, Andreas/Gelhard, Andreas (Hrsg.): Zur Philosophie informeller Technisierung, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

Auszug aus der Einleitung:

Denkstil ist nicht nur diese oder jene Färbung der Begriffe und diese oder jene Art sie zu verbinden. Er ist bestimmter  Denkzwang und noch mehr: die Gesamtheit geistiger Bereitschaften, das Bereitsein für solches und nicht anderes Sehen und Handeln. Die Abhängigkeit der wissenschaftlichen Tatsache vom Denkstil ist evident. (Fleck 1980: 85)

 The era of eHumanities has arrived. No longer consigned to manuscript, memory or museums, digitisation is transferring the humanities to our computers. (Grid Talk 2009)

 

Was mag es bedeuten, wenn die Geisteswissenschaften in den Computer wandern? Was wird aus dem forschenden Denken? Kann in diesem Zusammenhang von Technik als Denkstil überhaupt die Rede sein? Damit ist angedeutet, dass es in diesem Beitrag nicht zuvörderst um Technik im Sinne der Maschine, einer Apparatur geht, auch wenn der Computer zweifelsohne als elektronische Maschine von zentraler Stellung zu sehen ist.[1] Auch Verhaltensweisen, wenn diese standardisierten Handlungsabläufen und Verfahrensweisen entsprechen – hier ist der Begriff der Sozialtechnik gebräuchlich –, sind im Folgenden nicht zentral gemeint. Vielmehr geht es mir um das Befragen einer Beziehung, die vielleicht befremdlich erscheint, möglicherweise ein gewisses Unbehagen hervorruft – die Beziehung zwischen Technik und Denken in einer ganz spezifischen Form: nämlich Technik als Denkstil. Diese Fokussierung ist der Tatsache geschuldet, dass weder Maschinen-Technik noch Verhaltenstechnik ein Unbehagen in uns auszulösen vermögen: Auch wenn es immer wieder Debatten über das Für und Wider bestimmter Techniken gibt – man denke an die Debatten in den1990er Jahren über Gentechnik – ist der Technikbegriff auf Apparate angewandt nicht strittig. Wohl auch, weil wir von ihnen überall umgeben sind. Wir scheinen sie wie Luft zum atmen zu benötigen (Autos, Computer, Fernseher, etc.). Sie dringen in unser Handeln ein, bspw. verändern sie unserer Art zu kommunizieren (in der U-Bahn schauen die Menschen nicht mehr auf ihre Füße, sondern sie hantieren mit ihren Smart Phones). Auch auf standardisierte Verfahrens- und Verhaltensweisen angewandt, löst der Technikbegriff wohl kein Erstaunen aus (Lehrtechniken in der Pädagogik, Managementtechniken in Unternehmen etc.). Bezogen auf die Wissenschaft sieht es nicht anders aus: Je nach Disziplin und Forschungsgegenstand spielen komplexe Apparaturen eine zentrale Rolle und ohne Computer und das Internet kann man sich den forschenden Alltag kaum mehr vorstellen. Ebenso prägen Standards (bspw. für Publikationen) und formalisierte Verfahrensweisen (bspw. im methodischen Vorgehen) das Tun des Wissenschaftlers in seinem Alltag.

Aber können wir sinnvoll sagen, dass Technik im Denken selbst situiert werden kann, also im Prozess des Denkens und nicht nur als Inhalt der Gedanken? Genau darin besteht meine Frage im Folgenden, welcher ich anhand der Wissenschaft nachgehen werde. Und hierzu führe ich den Begriff des Denkstils von Ludwik Fleck ein.[2]


[1] An dieser Stelle soll an die enorme Geschwindigkeit der IT-Entwicklung erinnert werden. Der Computer ist heute ganz selbstverständlich aus weiten Teilen der Wissenschaften nicht mehr wegzudenken. Aber noch in den 1970er Jahren sah dies ganz anders aus, wie folgendes Zitat zeigt: „Die Nutzung der Geräte breitete sich außerhalb von technischen, naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern nur langsam aus. Noch 1965 musste man die Wissenschaftler informieren, wofür Rechenanlagen eingesetzt wurden, und sie überzeugen, dass sich mit ihnen neue Aufgaben lösen ließen und die Ergebnisse schneller vorlagen. Selbst 1977 notierte der britische Informatiker Sir C.A.R. Hoare, dass die meisten Wissenschaftler vordem nie einen Computer gesehen hatten und – mehr noch – die meisten erwarteten auch nicht einen zu sehen“ (Grosse et al.  2009: 9-10).

[2] Dabei sollen die beiden anderen Vorstellungen von Technik, erstens als Maschine und zweitens als Verhalten, nicht ausgeblendet werden, da davon ausgegangen werden kann, dass alle drei Techniken in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis stehen und ihre Beziehung sich nicht in einem Ursache-Wirkungs-Schema trivialisieren lässt. Technik als Dispositiv, Medium, Infrastruktur oder soziotechnisches System zu definieren, verweist auf Technik als „dynamischen Vermittlungszusammenhang […] worin sich etwas abspielt (Modus) und durch das bestimmte Weichen gestellt werden (Dispositive), die sowohl als Bedingung der Möglichkeit von (etwas) fungieren als auch auf die Beschränkungen verweisen, die damit verbunden sind“ (Gamm 2005: 19).

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: