Rückblick auf die EASST 2012

Letzte Woche hatte ich Gelegenheit, in Kopenhagen an der EASST 2012 teilzunehmen.
Die Konferenz wurde von der European Association for the Study of Science and Technology (EASST) veranstaltet, zusammen mit dem US-amerikanischen Pendant, der Society for Social Studies of Science (4S).

Unter der thematischen Klammer „Design and Displacement“ wurde ein Panoptikum aktueller Forschungstrends präsentiert, organisiert über 300 Panels in 3 Tagen.

„Design has become a key concept across a multitude of disciplinary domains and social spheres. In addition to its traditional ‘aesthetic’ associations, it is now a key term in multiple scientific domains and in diverse technological practices. One can even think of societies and social arrangements being ‘designed’. In science and technology, ‘design’ implies the re-arrangement of materials and ideas for innovative purposes. When newly designed scientific and technical objects enter the world, however, their initial purposes are often displaced.“ (Zitat von der Konferenz-Homepage)

Konferenz-Teilnehmer waren rund 1600 WissenschaftlerInnen, die sich mit sehr unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Vorgaben auf die Suche nach verschwundenen, neu enstandenen oder konfligierenden „purposes“ wissenschaftlicher und/oder technischer Objekte  machen.

Die Wahrnehmung einer STS (Science, Technology and Society)-Community als deutlich heterogene und differenzierte Community war u.a. auch Thema beim Pre-Conference Workshop für Doktorandinnen und Doktoranden: Unter der Frage „What does it mean to do STS at the margin?“ wurde über „Centers“ und „Margins“ in der Wissenschaft mehr praktisch als theoretisch diskutiert. Die unterschiedlichen Perspektiven, biographische Anekdoten und erste Forschungsergebnisse der TeilnehmerInnen spiegelten das breite Spektrum von STS-Ansätzen wider: Von den Schwierigkeiten, sich als Mitglied einer epistemisch höchst fragmentierten Community zu positionieren, über die Herausforderungen des interdisziplinären Forschens (und Publizierens) bis hin zur kritischen Reflexion einer Romantisierung von STS als „Grenzwissenschaft“, als Kultivierung einer Randposition, die aufschlussreichere Perspektiven und politisches Veränderungspotenzial ermöglichen soll als der „Mainstream“ der wissenschaftlichen Forschung.

Der Small-Talk beim Buffett (eine in der Tat sehr leckere Auswahl der „new nordic kitchen“)  mit Doktoranden, die „STS machen“ (meine Gesprächspartner kamen vorrangig aus den Bereichen Informationswissenschaft, Informatik und Ethnologie), verdeutlichte den Eindruck, dass es schwierig ist, insbesondere im deutschsprachigen Raum, eine STS-Promotion zu organisieren. Eine interdisziplinäre Fragestellung bedeutet unterschiedliche, häufig inkompatible Theorien, Methoden und Qualitätsverständnis.

Aufgrund der hohen Fragmentierung war die Auswahl potentiell spannender und innovativer Sessions schwierig. In manchen Fällen war die Zuordnung der einzelnen Vorträge zum Thema der Session nur eingeschränkt nachvollziehbar.
Trotzdem war die Konferenz eine guter Ort der Kontaktanbahnung und gab -unter dem breiten gemeinsamen Nenner des „socio-material entanglements“ – manch neuen Einblick in unterschiedliche Herangehensweisen an technische, materielle, soziale und epistemische Aspekte der Technisierung und Digitalisierung in „knowing and working environments“.

„Design challenges of working and organizing in technologically dense environments“ war ein Panel veranstaltet von Cornelius Schubert und Attila Bruni, die u.a. der Frage nachgehen, wie die Praxis von „knowing and working“ in mehr oder weniger technologisch „dichten“ Umgebungen funktioniert. Der Begriff der „density“ ist ein reizvoller auch für unsere Forschung,  die Frage, wie man sich dem Begriff der „Dichte“ technischer Umgebungen qualitativ und theoretisch nähern kann, bleibt eine spannende Frage für weitere Forschung.

Im Panel zu „Ethnography of socio-material collaborations“ lernte ich Smiljana Antonijevic kennen, die -zumindest soweit mir bekannt – den einzigen Vortrag mit explizitem Bezug zum empirischen Phänomen der Digital Humanities hielt. Sie berichtete über erste Ergebnisse hinsichtlich „reconfiguring practices und resources“ im Arbeiten von Geisteswissenschaftlern mit Werkzeugen der Digital Humanities. Schwerpunkt ihrer Forschung ist die qualitative Untersuchung der Nutzung der Werkzeuge.

Besonders gefreut habe ich mich über ein Wiedersehen mit Theresa Velden, ehemalige Leiterin des Zentrum für Informationsmanagement an der MPG (ZIM), die am Beispiel der Chemie über „field-differences in
openeness and sharing of scientific knowledge“ berichtete, und -im Gegensatz zu vielen anderen Vorträgen – auch auf weitergehende theoretische Erklärungsmuster für die Zusammenhänge zwischen epistemischen und materiellen Charakteristika von Forschungsfeldern und den Konsequenzen für Data Sharing einging.

Zum Abschluss der Konferenz konnte ich noch in die Session von Paul Edwards zu „Spatiotemporalities – Space and Infrastructures“ reinschnuppern. Der Schwerpunkt der Vorträge lag auf der empirischen und historischen Beschreibung der Herstellung von Räumlichkeit in und durch große, technische Infrastrukturen. Interessant, aber leider wenig weiterführend, was theoretische oder methodische Fragen einer „Soziologie der Infrastrukturen“ betrifft.

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Stellenausschreibung „Virtuelle Forschungsumgebung in den Geisteswissenschaften“

Stellenausschreibung mit Bitte um Weiterleitung an interessierte Kolleginnen und Kollegen!

Wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in (Doktorand/in) im Forschungsverbund „TextGrid: Institutionalisierung einer Virtuellen Forschungsumgebung in den Geisteswissenschaften.
Teilprojekt: Entwicklung und Implementierung eines integrierten Monitoring“

Am Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der Technischen Universität Berlin ist die Position eines/r wissenschaftlichen Mitarbeiter/in zu besetzen (unter Vorbehalt der Bewilligung durch das BMBF). Es handelt sich um eine halbe Stelle (19,5 Wochenstd.). Die Stelle wird nach TVöD vergütet und soll möglichst zum 01. Juni 2012 angetreten werden. Die Beschäftigung ist auf 3 Jahre begrenzt und zur Promotion geeignet.

Der Forschungsverbund „TextGrid: Institutionalisierung einer Virtuellen Forschungsumgebung in den Geisteswissenschaften“ leistet einen entscheidenden Beitrag zur modellhaften Institutionalisierung der Virtuellen Forschungsumgebung TextGrid, indem er die Herausforderungen auf fachwissenschaftlicher, sozialer, organisatorischer, finanzieller, rechtlicher und technischer Ebene untersucht, um belastbare Lösungsvorschläge zu entwickeln.

Der Aufgabenschwerpunkt der TU Berlin/ZTG liegt in der Entwicklung eines integrierten Monitoring für VREs.

In dem Projekt wird die/der geeignete Kandidat/in eng mit dem Projekt „E-Science Interfaces“ (https://escience-interfaces.net/) zusammenarbeiten.

Anforderungen:
– Gewünscht sind Kenntnisse über Monitoring- und Qualitätssicherungsverfahren
– Gewünscht sind Kenntnisse über Virtuelle Forschungsumgebungen in den Geisteswissenschaften
– Erforderlich ist eine hohe Bereitschaft mit den Verbundpartnern zusammenzuarbeiten
– Erfahrungen mit Ansätzen der Wissenschafts- und Technikforschung bzw. die hohe Bereitschaft, sich hier einzuarbeiten
– Teamfähigkeit
– Interdisziplinarität
– Kenntnisse in qualitativen Methoden der Sozialforschung

Zur Sicherung der Gleichstellung sind Bewerbungen qualifizierter Frauen besonders willkommen. Schwerbehinderte Bewerber/innen werden bei gleicher Eignung bevorzugt.

Ende der Bewerbungsfrist ist der 03.05.2012. Bei weiteren Fragen können Sie sich jederzeit mit Sonja Palfner (sonja.palfner@tu-berlin.de) in Verbindung setzen.

Unterlagen: Kurze aussagekräftige Bewerbungen mit einem tabellarischen Lebenslauf, Zeugniskopien und zwei Namen von Kolleg/innen als Referenz richten Sie bitte per E-Mail an:
Sonja Palfner (ZTG) sonja.palfner@tu-berlin.de

Praxeologie und Infrastrukturforschung

Am 2. und 3. Dezember 2011 fand in Heidelberg einPraxeologie-Workshop statt, veranstaltet vom SFB 933 „Materiale Textkulturen“ und der Heidelberger Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften. (Das Programm als PDF) Ich war eingeladen, über die Relevanz der Praktiken in der Infrastrukturforschung zu berichten.

Die unterschiedlichen Beiträge waren allesamt sehr interessant und zeigten das breite Spektrum an Forschungsfragen, bei denen der Blick auf Praktiken und Praxis eine Rolle spielt. Trotz der heterogenen Forschungskontexte haben wir einige Gemeinsamkeiten in den Fragestellungen festgestellt: Wie umgehen mit den nicht-menschlichen Akteuren? Wie kommen wir zu einer Präzisierung des Begriffes „Praxis“ oder wie lassen sich die Bedingungen systematisch analysieren, die aus individuellen Praktiken so etwas wie „Routine“ (skillfull performances nach Reckwitz) machen? Wie lassen sich Emotionalität und Intentionalität der Akteure forschungspraktisch „festhalten“?

Die Publikation eines Tagungsbandes ist für 2012 angedacht.

Vorstellung der Begleitforschung am IBI

Gestern bekam ich die Möglichkeit, im Projektseminar „Kommunikation und Kollaboration – Virtuelle Forschungsumgebungen in Theorie und Praxis“ am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) die Theorie und Praxis unserer Begleitforschung vorzustellen.

Die Erwartung, einen Expertenvortrag zu hören, musste ich leider gleich zu Beginn relativieren: es war eher ein Einblick in „work in progress“ einer Grenzgängerin zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen, Praxisbegriffen und Methoden. Die -sehr angeregte und konstruktive – Diskussion mit den Studierenden bewegte sich in dem Spannungsfeld zwischen Fragen nach Sinn, Zweck und Nutzung von virtuellen Forschungsumgebungen und den Möglichkeitsbedingungen des praktischen Handelns während der Entwicklung von diesen. Danke an Maxi Kindling für die Einladung!

Der Vortrag als PDF IBI_24112011_Begleitforschung

.hist 2011 – Geschichte im digitalen Wandel

Vom 14.-15.September 2011 fand an der Humboldt-Universität Berlin die .hist 2011 Konferenz statt. Unser Projekt war auf der Posterausstellung vertreten. Neben Vorträgen und Werkstattberichten war die Konferenz auch Rahmen für das 15-jährige Jubiläum von H-Soz-u-Kult, dem Fach- und Kommunikationsforum für die Geschichtswissenschaften, und dem einjährigen Bestehen von „L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung“ .

Die Vorträge waren inhaltlich in vier Sessions organisiert. Parallel liefen die Werkstattberichte, i.e. Präsentationen unterschiedlichster Projekte aus der digitalen Geschichtswissenschaft. Abstracts der Sektionen und Werkstattberichte sind online

In der Sektion „Virtuelle Forschung und Geschichtswissenschaften 2.0“ referierte der Medienwissenschaftler Stefan Münker seine These über den Status Quo des digitalen Wandels: Digitalisierung versetze uns in einen Zustand jenseits der Technik. Erst die Art und Weise der Nutzung sei entscheidend für das qualitativ Andere des digitalen Wandels in der Forschung: „It’s the practice, stupid“. Manfred Thaller, der „Nestor der Computer Science in den Humanities“ (Hohls), erläuterte seine Überlegungen zu eScience, der „mechanistischen Übernahme“ der entsprechenden Begriffe und Konzepte aus den Hard Sciences und fragt u.a. nach der Bedeutung der „mobilen Revolution“ in der historischen Entwicklung von virtuellen Forschungsumgebungen. In seinem Modell der historischen Forschung können virtuelle Forschungsumgebungen Praktiken wie Transkription oder Edition unterstützen. Inwieweit virtuelle Forschungsumgebungen bzw. Service-Einrichtungen aber die intellektuell-analytische Forschungstätigkeit der Historiker unterstützen können, ist seiner Ansicht nach noch offen. Torsten Reimer gab einen Überblick über Stand und Entwicklung der Förderprogramme von JISC in Großbritannien, u.a. eine Geschichte des Ressourcenkampfes zwischen Forschung, Lehre und Infrastrukturen dafür.

In der Sektion „Digitale Quellenkritik und Data Driven History“ ging Eva Pflanzelter von der Quellenkritik als Nadelöhr des historischen Erkenntnisprozesses aus und stellte die Garantie für eine „Echtheit“ von Primär- und Sekundärquellen im Internet kritisch zur Diskussion. Theo Röhle referierte über „Hypes“ und „Konjunkturen“ in der Entwicklung quantitativer Methoden in den Geisteswissenschaften und betonte die enge, ggf. auch produktive Wechselwirkung zwischen Theorie-Diskussion und (technischer) Praxis .

In der Sektion „Narrativität und Medialität“ gab Markus Krajewski Einblick in die Funktionen seines individuellen digitalen Zettelkastens und zeigte die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Anwendung und der Leitthesen für sein aktuelles Forschungsprojekt auf.

In der Sektion„ Grenzverschiebungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“ wurden Fragen nach den Machtverhältnissen und der „Interpretationshoheit“ an der Grenze zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit  diskutiert. Dabei dominierte vorallem der pessimistische Tenor, als man über den „Abschiedsschmerz vom Elfenbeinturm“, der „öffentlichen Inszenierung von Wissenschaft“ oder der „Instrumentalisierung von Öffentlichkeit in der Antragslyrik“ sprach. Michael Hengstenberg berichtete von  einestages.de, dem Zeitgeschichte-Portal von Spiegel Online. Hier muss eine redaktionelle Steuerung natürlich nicht nur die fachwissenschaftlichen, sondern auch die betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkte berücksichtigen. Aber auch rein fachwissenschaftlich getriebene Projekte stehen unter Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit bzw. der alles dominierenden Relevanz-Frage der Geisteswissenschaften. Maren Lorenz spielte den Advocatus diaboli und stellte im Kontext der „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ des Internet die Frage an die Historiker: Definieren wir unsere Ziele noch selbst?

 

Virtuelle Forschungsumgebungen – erste Erfahrungen und Ergebnisse

Die Folien der Beiträge des Workshops „Virtuelle Forschungsumgebungen – erste Erfahrungen und Ergebnisse“ sind jetzt – sofern vorhanden – auf der Webseite verlinkt. Außerdem gibt es zu fast allen Beiträgen einen Audio- und/oder Bildschirmmitschnitt bzw. Screencast (Video).

www.dini.de/veranstaltungen/workshops/forschungsumgebungen-2011/programm

Workshopeindrücke: Virtuelle Forschungsumgebungen – erste Erfahrungen und Ergebnisse

Gestern (22.6.11) fand ein Workshop der DINI (Deutsche Initiative für Netzwerkinformation) und der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) zum Thema „Virtuelle Forschungsumgebungen – erste Erfahrungen und Ergebnisse“ an der Humboldt-Universität zu Berlin in Adlershof statt.

Informationen zum Workshop finden sich auf der DINI Website.

Ein Ziel war der Erfahrungsaustausch von Personen, die in die Entwicklung und den Betrieb von Virtuellen Forschungsumgebungen in Deutschland involviert sind. Ein weiteres Ziel war die Diskussion der Zukunft von Virtuellen Forschungsumgebungen (auch in Hinblick auf die Governance der Förderer – adressiert wurden explizit die DFG und das BMBF).

Themen waren u.a.:

In der Regel werden Infrastrukturvorhaben über einen mehrjährigen Zeitraum gefördert. Mit dem Ende der Förderung stellt sich die Frage nach dem Weiterleben der Virtuellen Forschungsumgebungen. Wer ist für sie zuständig, wer entwickelt weiter, etc.?

Eine unüberschaubare Landschaft an Virtuellen Forschungsumgebungen ist in Deutschland in den letzten Jahren entstanden. Wie können hier Synergien erzeugt und eine Nachnutzbarkeit erreicht werden?

Das Thema unseres Projektes spielte vorsichtig eine Rolle: Wie verhalten sich Infrastruktur und Fachwissenschaft zueinander? Auch wenn diese Ordung der Wissenschaft, die von einer Trennung in Infrastruktur/Service und Forschung/Fachwissenschaft ausgeht, nicht im Hinblick auf ihre Konstruiertheit diskutiert wurde, so wurde doch gesehen, dass in die Trennung zwischen Forschung und Infrastruktur Bewegung geraten ist.

Wir hatten die Möglichkeit, unser Projekt mit einem Poster in einer Posterausstellung zu präsentieren. Wir waren das einzige Projekt auf dieser spannenden Veranstaltung, dass auf einer Mikroebene E-Infrastrukturentwicklungen sozialwissenschaftlich analysiert. Und wir bekamen positives Feedback auf unser Vorhaben – da wir jedoch noch am Anfang stehen, konnten wir leider keine Ergebnisse präsentieren;). Aber mir scheint, dass schon die Problemformulierung helfen kann, Denkanstöße zu geben: Es reicht nicht aus davon auszugehen, dass etwas zwischen Infrastruktur und Forschung passiert – vielmehr befinden sie sich in einem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis. Sprich, ihr Innenleben ist aktuell betroffen und damti verbunden die Grenzziehung zwischen Infrastruktur und Forschung.